Warum können wir uns erlauben, ausgerechnet jene zu verschleissen, die alles für unsere Gesundheit tun – immerhin unser höchstes Gut?
Aktuell erzeugt das Gesundheitswesen für seine Mitarbeitenden nämlich nicht Gesundheit, sondern überwiegend Krankheit. In einer europaweiten Befragung zur Gesundheit von Erwerbstätigen rangiert das Gesundheitswesen im Vergleich zu allen anderen Berufsgruppen ganz unten – 55 % geben ein erhöhtes Burnout-Risiko an (EWCTS 2021). Die von der Ottawa Charta geforderte Neuorientierung der Gesundheitsversorgung scheint zumindest für die Angestellten gescheitert.
Das Problem ist eigentlich erkannt, zahlreiche Empfehlungen zu Verbesserungen auf Organisations- und Mitarbeitenden-Ebene liegen vor (bzw. EASHW 2025). Allerdings werden sie angesichts des Spardrucks kaum umgesetzt, was die Probleme von Krankenstand, Fluktuation und Berufsausstiegen weiter verschärft.
Warum können wir uns im Gesundheitswesen aber überhaupt eine Mangelwirtschaft und den damit einhergehenden Verschleiss der Gesundheitsfachkräfte erlauben? Meines Erachtens ziehen wir Vorteil aus deren hohen moralischen Anspruch und das von allen Beteiligten internalisierte Mantra, alles für die PatientientInnen zu tun: Immer «Patients First!». Die Unterordnung der eigenen Gesundheit als Mittel zum Zweck der Patientengesundheit wird dabei sogar von den Verbänden der Gesundheitsberufe selbst formuliert.
Um das Problem zu lösen, schlage ich die Vision einer zweifachen, fundamentalen Wende vor. Erstens Werte-Wende: Wir müssen der Gesundheit der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen den gleichen Wert zumessen wie der Gesundheit der PatientInnen, auf Augenhöhe, nicht als untergordnetes Thema. Zweitens Wende zur Mit-Gestaltung: Wir müssen dem eigentlichen, von Mitarbeitenden und PatientInnen gemeinsam getragenen Heilungsprozess mehr Aufmerksamkeit schenken. Gelingen die dafür notwendige Beziehungsarbeit und Zusammenarbeit mit aktiv beteiligten PatientInnen, ist ein Mehrwert für das Erleben und die Gesundheit beider Gruppen zu erwarten.
Seit 2025 verfolgt ein mehrjähriges, transdisziplinäres Forschungsprojekt in der Schweiz diese Vision von «Co-Creation of Care» im Krankenhausalltag durch PatientInnen und Pflegekräfte als gleichwertige Mit-Gestalter und Nutzniesser des Gesundheitsversorgungssystems. Anhand des im Vortrag präsentierten Modells will das Konsortium von vier Disziplinen, PatientenvertreterInnen und fünf Pilotspitälern die Annahmen dieser Vision empirisch überprüfen und niederschwellige Empfehlungen und Instrumente für die Praxis ableiten.