Der Weg zum "Baby-Friendly Hospital" – Ablauf des Zertifizierungs- und Begutachtungsprozesses

Ansprechpartner auf dem Weg zur offiziellen Auszeichnung als "Baby-Friendly Hospital" ist das ONGKG. Wenn alle Kriterien, die von WHO und UNICEF als Mindeststandards definiert sind, in der jeweiligen Gesundheitseinrichtung nachweislich verankert und umgesetzt sind, wird die Anerkennung "Baby-friendly Hospital" an die Einrichtung verliehen. Dazu müssen die "Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen" erfüllt sein und der "Internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten" eingehalten werden.

Folgende Schritte führen zur Anerkennung

1. Selbsteinschätzung anhand des Selbstbewertungsbogens

Mit Hilfe des Selbstbewertungsbogens wird als erster Schritt auf dem Weg zur Zertifizierung eine Selbsteinschätzung vorgenommen. Daraus geht hervor, ob die Empfehlungen von WHO und UNICEF zum "Baby-friendly Hospital" in der ansuchenden Einrichtung bereits erfüllt bzw. umgesetzt sind. Die Selbstbewertung kann auch online ausgefüllt werden. Klicken Sie dazu im Menü links auf "Selbstbewertung online".

Eine Entbindungseinrichtung bzw. –station, die weniger als 80% der Fragen des Selbstbewertungsbogens mit "ja" beantworten kann und / oder in der lt. Stillstatistik über einen längeren Zeitraum weniger als 75% der Säuglinge von Geburt bis Entlassung ausschließlich gestillt werden, sollte die "Globalen Kriterien" nochmals gründlich durcharbeiten und entsprechende Änderungen in der Krankenhausroutine vornehmen. Sollte die Einrichtung Unterstützung bei Fortbildungsmaßnahmen oder bei der Erstellung von Richtlinien wünschen, kann sie sich für entsprechende Informationen an die zuständige Sektion des ONGKG wenden.

2. Beratung

Zu den Beratungsleistungen gehören neben der Auswertung der Selbstbewertung telefonische Beratungen und Beratungstage vor Ort. Können mindestens 80% der Fragen des Selbstbewertungsbogens mit "ja" beantwortet werden und erreicht die Einrichtung eine Rate von mindestens 75% der von Geburt bis zur Entlassung ausschließlich gestillten Säuglinge, kann ein Beratungstermin vereinbart werden, um in der ansuchenden Einrichtung abzuklären, inwieweit die Umsetzung der "Zehn Schritte" schon ausreicht oder noch optimiert werden muss. Es können noch vor der Prüfung durch das Begutachtungsteam Schwierigkeiten bei der Umsetzung durch Verbesserungsvorschläge oder durch eine Schulung des Personals behoben werden, um einen reibungslosen Ablauf der Begutachtung und schlussendlich eine positive Beurteilung am Ende des Zertifizierungsprozesses sicherzustellen. Das Krankenhaus bzw. die Geburtenstation soll auf diese Weise unterstützt werden, einzuschätzen, wo das Stillmanagement noch weiter optimiert werden kann und muss, um die "Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen" und um die Einhaltung des Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten in Zukunft erfüllen und gewährleisten zu können.

3. Fortbildung

In der medizinischen Ausbildung wurden bisher Kenntnisse im modernen Stillmanagement nicht im ausreichenden Maße vermittelt. Das herkömmliche Wissen über Laktationsphysiologie und psychosomatische Besonderheiten des Wochenbettes reicht meist nicht aus. Daher ist eine umfassende Schulung des gesamten Personals, das mit Schwangeren, jungen Müttern und Babys zu tun hat (ÄrztInnen, Hebammen, Pflegepersonen, u.a.) eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die Entbindungseinrichtung ein wirklich stillfreundliches Umfeld bieten kann.

Für die Fortbildung können sowohl die eigenen Möglichkeiten des Krankenhauses als auch die Ausbildungsangebote von Still- und LaktationsexpertInnen genutzt werden. Die internationalen Erfahrungen haben gezeigt, dass für die Anerkennung als "Baby-friendly Hospital" eine spezielle theoretische und praktische Weiterbildung im Ausmaß von 20 Stunden (davon mindestens drei Stunden Praxis) einzuplanen ist.

Der theoretische Teil des Fortbildungskurses für das an der Pflege von Mutter und Kind beteiligte Personal umfasst neben Sinn, Nutzen und Praxis des Stillens sowie Ansätzen und Möglichkeiten, wie Mütter beim Stillen unterstützt werden können (auch im Falle von auftretenden Problemen) auch Implementierungsstrategien für die ansuchende Geburteneinrichtung.

Die Fortbildung richtet sich an alle MitarbeiterInnen, die mit Schwangeren und Müttern und ihren neugeborenen Kindern in Kontakt kommen und reicht somit von ÄrztInnen, Hebammen, Kinder- und Wochenbettschwestern / -pflegern, StillberaterInnen bis zu ErnährungsberaterInnen.

Die BFHI-Weiterbildung wird auf Anfrage durch StillfachreferentInnen aus medizinischen und sozialen Berufen gestaltet. Dem zwei- oder dreiköpfigen Ausbildungsteam gehört mindestens einE StillexpertIn oder GutachterIn an, die spezielle Kenntnisse im Management einer Entbindungsklinik und Erfahrung in der Bewertung von Entbindungseinrichtungen besitzt. Bei diesen StillexpertInnen handelt es sich um ÄrztInnen, Hebammen, Kinder- oder Wochenbettschwestern / -pflegern oder StillberaterInnen mit der Zusatzausbildung für Still- und LaktationsberaterInnen, IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant).

4. Begutachtung und Anerkennung als "Baby-friendly Hospital"

Bereits vor der Prüfung durch das Gutachterteam sollte das Krankenhaus drei schriftliche Dokumente erarbeitet haben, die in der Einrichtung so aufliegen sollen, dass diese für die jeweiligen Zielgruppen gut zugänglich sind. Bei den drei Dokumenten handelt es sich erstens um Richtlinien zur Stillförderung, die alle "Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen" sowie den Internationalen Kodex berücksichtigen. Zweitens soll ein Lehrplan zu Theorie und Praxis der Stillförderung vorliegen, der sich an das Krankenhauspersonal wendet, das Schwangere sowie Mütter und ihre Babys versorgt. Dieser Lehrplan berücksichtigt auch den speziellen Schulungsbedarf im Falle von Neuanstellungen in der Geburteneinrichtung. Das dritte schriftliche Dokument ist eine Kurzfassung der Informationen über das Stillen, die in der Schwangerenvorsorge / auf der Wochenbettstation vermittelt werden. Diese Dokumente werden in die Begutachtung miteinbezogen. Sie belegen, dass sich die Einrichtung kontinuierlich und umfassend um das Stillen bemüht, und stellen sicher, dass die bisherige Praxis auch nach Personalwechsel beibehalten wird.

Zur Begutachtung selber hält sich ein Team von zwei oder drei StillexpertInnen, je nach Größe der Einrichtung, zwei bis drei Tage in der Entbindungsabteilung (Kreißsaal, Neugeborenenstation, Wochenbettstation) auf. Dem Team darf grundsätzlich keinE GutachterIn angehören, die in der entsprechenden Einrichtung Kurse durchgeführt hat. Die GutachterInnen beobachten die Klinikroutine, inter-viewen das Personal und befragen vor allem die Mütter zu ihren Erfahrungen in der Einrichtung. Der Umfang der Begutachtung ist durch die standardi-sierten und weltweit verwendeten Prüfungsunterlagen vorgegeben.

Der Prüfungsbericht wird an das Gutachtenkomitee weitergeleitet. Entspricht das Ergebnis den international gültigen Richtlinien, wird die Entbindungsein-richtung - zunächst auf 5 Jahre befristet - mit der Anerkennungsplakette für "Baby-friendly Hospitals" ausgezeichnet. Nach fünf Jahren wird eine erneute Begutachtung durchgeführt. Sollte ein Krankenhaus trotz gründlicher Vorbereitungen noch nicht alle "Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen" den Anforderungen der Initiative entsprechend umgesetzt haben, machen die GutachterInnen Verbesserungsvorschläge. Um die bisherigen Bemühungen zu würdigen, kann dem Krankenhaus ein Verpflichtungszertifikat verliehen werden. Die Einrichtung stellt dann innerhalb eines bestimmten Zeitraums einen Aktionsplan auf und führt die erforderlichen Veränderungen durch. Nach einer erneuten Begutachtung kann dann, falls diesmal alle Globalen Kriterien erfüllt sind, die Anerkennungsplakette "Baby-friendly Hospital" verliehen werden.

5. Nachevaluation

Mit der Auszeichnung "Baby-friendly Hospital" wird bestätigt, dass ein Krankenhaus die von WHO und UNICEF empfohlenen "Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen" an der Geburtenabteilung umgesetzt hat. Die Umsetzung der "Zehn Schritte zum erfolgreichen Stillen" bedeutet weit mehr als das Aneignen bestimmter pflegerischer Kenntnisse und deren praktische Anwendung. Sie setzt vielmehr eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Grundsätzen einer Geburtenabteilung und der Rolle der für die Betreuung der Neugeborenen und deren Mutter Verantwortlichen voraus. Es handelt sich um ein Modell, das das Wohlergehen des Kindes vom Moment seiner Geburt an zum Inhalt hat und die Mutter befähigt und ermächtigt, ihr Kind so oft und so lange es ihr und dem Kind beliebt, zu stillen.

Damit der mit der Auszeichnung verbundene Qualitätsstandard der Betreuung der Mütter, der durch die gemeinsamen Anstrengungen des gesamten Teams einer geburtshilflichen Abteilung erreicht wurde, sichergestellt werden kann, bedarf es im Sinne einer Qualitätssicherung regelmäßiger Nachevaluationen. Diese Nachevaluationen sollen Gelegenheit bieten, die bisherigen Erfahrungen zu reflektieren und bei Schwierigkeiten Beratung und Erfahrungsaustausch einzuholen. Grundlage der Nachevaluationen sind die von WHO / UNICEF herausgegebenen Globalen Kriterien zu den Zehn Schritten.

Die Nachevaluation einer bereits zertifizierten Einrichtung erfolgt vier Jahre nach erfolgter positiver Begutachtung.

Das Team für die Nachbegutachtung / Rezertifizierung setzt sich aus erfahrenen GutachterInnen (ÄrztInnen, Pflegepersonen und / oder Stillberaterinnen, von denen mindestens eine Person IBCLC-qualifiziert ist) zusammen. Jeweils zwei GutachterInnen kommen für einen Tag ins Krankenhaus, wobei der Termin im Vorfeld mit dem Krankenhaus abgestimmt wird.

Die Nachevaluation umfasst folgende Schritte:

  • Fragebogen für Mütter: Als Grundlage für die neuerliche Evaluation dienen die Ergebnisse des Fragebogens für Mütter. Zu diesem Zweck bittet das Krankenhaus die Mütter, den Fragebogen bei der Entlassung auszufüllen. Befragt werden sollen mindestens 50, maximal 100 Mütter in lückenloser Geburtenreihenfolge ab einem vom Krankenhaus festgelegten Datum. Um diese Anzahl zu erreichen, muss ungefähr 3 Monate (stellt nur einen ungefähren Richtwert dar, der sich an der an der jeweiligen Größe der Geburtenstation orientiert) vor dem vereinbarten Nachevaluationstermin mit der Ausgabe der Fragebögen begonnen werden. Die Fragebögen werden gesammelt und spätestens einen Monat vor dem vereinbarten Evaluationstermin zur Auswertung an das ONGKG gesandt.
  • Ein gemeinsames Gespräch mit dem Team, das mit Schwangeren sowie Müttern und ihren Kindern in Kontakt ist. Die Ergebnisse der Auswertung der Fragebögen bilden die Grundlage für diese Gespräche. Es ist darauf zu achten, dass alle Berufsgruppen vertreten sind: GeburtshelferInnen, Hebammen, Wochenbett- und Kinderschwestern / -pflegern, KinderärztInnen, u. a.
  • Begutachtung der relevanten schriftlichen Dokumente
  • schriftliche Materialien für Personal (Stillrichtlinien, Fortbildungsplan, Fachliteratur etc.)
  • schriftliche Materialien für Mütter
  • Rundgang auf der Station
  • Überprüfung der Einhaltung des internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten

Im Rahmen der Nachevaluation können aktuelle Fragen mit den GutachterInnen - ExpertInnen auf dem Gebiet der Still- und Laktationsberatung - besprochen werden. Es bietet sich eine gute Gelegenheit, über die neuesten Entwicklungen auf internationaler Ebene informiert zu werden.

Die Ergebnisse der einzelnen Evaluierungsschritte werden in einem schriftlichen Bericht zusammengefasst. Notwendige Verbesserungsvorschläge werden in diesem Bericht aufgenommen. Sollten gravierende Mängel festgestellt werden, wird in Absprache mit dem Krankenhaus ein Termin für eine neuerliche Begutachtung festgelegt. Damit soll dem Krankenhaus ermöglicht werden, die erforderlichen Änderungen vorzunehmen, ohne die Zertifizierung zum "Stillfreundlichen Krankenhaus" zu verlieren.

Der Bericht über die Nachevaluation ergeht an das Krankenhaus und die Gutachtenkommission. Das Krankenhaus bekommt dann ein Bestätigungs-schreiben über die erfolgreiche Nachevaluation.